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Physiotherapie

Behandeln ohne Rezept: Wie Physiotherapeuten mit dem sektoralen Heilpraktiker den Direktzugang bekommen

Anna-Maria Inzinger
01. Juli 2026 · 3 Min. Lesezeit
Behandeln ohne Rezept: Wie Physiotherapeuten mit dem sektoralen Heilpraktiker den Direktzugang bekommen

Eine Patientin kommt mit Rückenschmerzen in die Praxis. Ohne ärztliche Verordnung darf ein Physiotherapeut sie normalerweise nicht behandeln – erst muss der Arzt das Rezept ausstellen. Es gibt einen Weg um diese Hürde herum. Er heißt sektoraler Heilpraktiker für Physiotherapie, existiert seit 2009 und ist für viele Selbstständige die Eintrittskarte in den Direktzugang.

Der Kern ist ein Urteil. Am 26. August 2009 entschied das Bundesverwaltungsgericht (Az. 3 C 19.08), dass ausgebildete Physiotherapeuten eine auf ihr Fach beschränkte – juristisch: sektorale – Heilpraktikererlaubnis erhalten können. Die Grundlage dafür ist das Heilpraktikergesetz von 1939. Wer diese Erlaubnis hat, darf Patienten ohne ärztliche Verordnung annehmen, selbst eine Diagnose stellen und einen Therapieplan aufsetzen – solange er dabei mit den Mitteln der Physiotherapie arbeitet.

Das klingt nach viel Freiheit. Die Grenzen sind aber klar gezogen. Ein sektoraler Heilpraktiker darf keine Rezepte ausstellen, keine Medikamente verordnen, nicht invasiv arbeiten – Akupunktur oder Injektionen sind tabu – und er rechnet nicht mit der gesetzlichen Krankenkasse ab. Die Behandlungen laufen als Privatleistung über Selbstzahler oder private Kassen. Und die Berufsbezeichnung ist geschützt: erlaubt ist "Sektoraler Heilpraktiker für Physiotherapie", nicht das schlichte "Heilpraktiker".

Wer die Erlaubnis beantragen kann

Zuständig ist das örtliche Gesundheitsamt. Die genauen Anforderungen unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland, aber der Kriterienkatalog des Gesundheitsamts Düsseldorf zeigt gut, worum es geht. Verlangt werden dort unter anderem:

  • Vollendetes 25. Lebensjahr
  • Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung Physiotherapeut(in) nach dem Masseur- und Physiotherapeutengesetz
  • Mindestens vier Jahre Berufserfahrung mit im Schnitt 30+ Wochenstunden
  • Ein Führungszeugnis der Belegart O, nicht älter als drei Monate
  • Ein ärztliches Attest über die gesundheitliche Eignung, ebenfalls maximal drei Monate alt

Die vier Jahre am Patienten sind kein Detail am Rande. Das Verfahren setzt darauf, dass jemand die Praxis kennt, bevor er eigenverantwortlich diagnostiziert.

Die Überprüfung: 60 Stunden und eine schriftliche Prüfung

In Nordrhein-Westfalen führt der Weg über eine Schulung an einer anerkannten Schule. Der Umfang: mindestens 60 Unterrichtsstunden zu je 45 Minuten. Davon entfallen laut Düsseldorfer Katalog 10 Stunden auf Berufs- und Gesetzeskunde und 50 Stunden auf Diagnostik und Indikationsstellung. Am Ende steht eine schriftliche Prüfung von mindestens 45 Minuten, höchstens ein Drittel Multiple Choice, bestanden ab 75 Prozent richtiger Antworten.

Inhaltlich dreht sich alles um eine Frage: Was darf ich behandeln – und was gehört in ärztliche Hände? Risikoscreening, Differentialdiagnostik, das Erkennen von Krankheitsbildern, die eben nicht in die Physiotherapie gehören. Genau diese Abgrenzung wollte das Bundesverwaltungsgericht abgesichert wissen.

Wie streng geprüft wird, hängt vom Bundesland ab. In NRW und Niedersachsen reicht oft die schulinterne Prüfung, eine gesonderte Amtsarztüberprüfung entfällt häufig. In Bayern und Baden-Württemberg ist dagegen die Überprüfung durch das Gesundheitsamt üblich. Wer eine abgeschlossene Osteopathie-Weiterbildung oder ein einschlägiges Physiotherapie-Studium mitbringt, kann in manchen Ämtern eine Anerkennung nach Aktenlage erreichen – ohne die 60-Stunden-Schulung. Das bleibt aber immer eine Einzelfallentscheidung. Die Gebühren fallen je nach Amt unterschiedlich aus und liegen laut Wikipedia meist im Bereich von etwa 150 bis 660 Euro.

Was das fürs Gehalt heißt

Für Angestellte ist der Rahmen enger. In der eigenen Auswertung der aktuell auf medjobs.de ausgeschriebenen Stellen (Stand 03.07.2026) liegt der Median für Physiotherapie bei 2.500 Euro brutto im Monat – bei sechs Stellen mit Angabe lag die Bandbreite eng um diesen Wert. Die sektorale Erlaubnis zielt auf etwas anderes: Selbstständigkeit und Privatleistungen. Wer eine eigene Praxis führt oder Termine im Nebenerwerb anbietet, kann Patienten direkt annehmen, ohne auf ein Rezept zu warten. Das ist weniger eine Gehaltsstufe als ein zweites Standbein.

Ein Blick über den Tellerrand: Seit 2015 steht der Weg auch Ergotherapeuten offen, die eine sektorale Heilpraktikererlaubnis für ihr Fach erwerben können. Das Modell selbst ist alt und stabil – das Heilpraktikergesetz trägt es seit fast einem Jahrhundert. Wer mit dem Gedanken spielt, sollte zuerst beim eigenen Gesundheitsamt nach dem konkreten Kriterienkatalog fragen. Die Unterschiede zwischen den Ländern entscheiden am Ende darüber, ob eine Schulung reicht oder eine Prüfung beim Amtsarzt ansteht. Für die individuelle Situation lohnt sich rechtliche Beratung, dieser Text ersetzt sie nicht.

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Quellen